
Vorwort
Liebe Leser und Freunde der Online-Zeitung,
die Tage sind spürbar länger und wärmer geworden, wir haben die Zeitumstellung hinter uns, in den Gärten blühen die Narzissen, Forsythien und sogar schon die ersten Tulpen. Der Frühling ist da! In der Schule hatte ich damals ein Lied von Werner Gneist (1898 – 1980) gelernt, „Es tagt, der Sonne Morgenstrahl weckt alle Kreatur“. Eine Zeile darin lautet „Es singt und jubelt überall, erwacht sind Wald und Flur!“. Besser könnte man es nicht beschreiben.
In die Zeit des Erwachens der Natur um uns herum fällt alljährlich auch das Osterfest. Benannt nach der Frühlings- und Fruchtbarkeitsgöttin „Eostre“ oder „Ostara“, feiern wir heute noch mit blühenden Zweigen, bunten Eiern und Hasen und bitten Mutter Erde um Fruchtbarkeit und Wachstum, dass wir im Herbst etwas zu ernten haben. Mancherorts – ich kenne das hauptsächlich aus Norddeutschland – werden noch Osterfeuer entzündet. Zweifelsohne ein Symbol für die Sonne und die damit einhergehenden längeren und helleren Tage. Heute sind die Osterfeuer zum Schutz der Igel glücklicherweise etwas eingedämmt worden und meinem Kenntnisstand nach gibt es nur noch öffentliche Osterfeuer, bei denen gefeiert und die Gemeinschaft gepflegt wird.
Um Gemeinschaft geht es auch in Sven Tietgens Beitrag. Dazu nehmen wir euch kurzerhand mit ins „Paradies“ – einem neu geschaffenen, idyllischen Ort, der „aus der Not geboren“ ursprünglich als „Rentner-WG“ gegründet wurde und mittlerweile nicht nur hochrangigen Künstlern eine Bühne bietet, sondern bei dem es auch mit einer außergewöhnlichen, kreativen Idee um Verständigung schlechthin geht.
Mit einer sozialeren Form der Gesellschaft, dem „Solidarismus“, beschäftigte sich ebenfalls schon Rudolf Diesel, der berühmte Erfinder des Dieselmotors. Oliver Schindler berichtet dazu vom Treffen des Vereins „Wirkraft e. V.“ in der Nähe von Fulda und beleuchtet hierbei die „alte“ Idee, deren Ursprünge auf Herrn Diesel zurückgehen und die nun eine erfreuliche Renaissance erfährt.
Daniela Aue-Gehrke richtet diesmal den Blick nach oben in ihrem Artikel zu „Wild und grün“. Hierbei geht es speziell um die Familie der Birkengewächse die ein unheimlich großes Potential an Verwendungsmöglichkeiten bieten.
Da die Natur gar mannigfaltige Möglichkeiten bietet, sie zu nutzen, beschäftige ich mich in meinem Beitrag zum „ursprünglichen Wort“ eben mit diesem Ausdruck: „mannigfaltig“. Beim „Anglizismus des Monats“ geht es diesmal um „Cut“. Schnitt, Ende!
Wir wünschen Dir nun viel Spaß beim Lesen unserer April-Ausgabe und freuen uns wie immer über Zuschriften unter !
Text: Carin Utermöhle
Von Musik bis Gebärdensprache: Einladung nach Hamdorf ins Paradies – und zum Spiele Entwickeln
Holger Thiesen fiebert auch mit 71 Jahren neuen Erfahrungen und lebendigen Begegnungen entgegen – und bringt dabei jede Menge Humor mit. Dass der gebürtige Nordfriese kürzlich sein gemietetes Haus am Nord-Ostsee-Kanal wegen Eigenbedarfs des Eigentümers räumen musste, hat ihn nicht erschüttert. Im Gegenteil: Der ehemalige Handballbundesliga-Spieler strickt aus der ungewissen Wohnsituation gleich neue Lebensprojekte.

Vorerst ist Holger Thiesen bei Alfred und Benita Kath in Hamdorf untergekommen. „Wir haben hier eine Rentner-WG aufgemacht, den Club der Zeitmilliardäre“, erzählt der Mann im knallblauen T-Shirt, auf dem in großen Lettern „Lebe, Lache, Liebe“ prangt. Alfred und Benita kennt er seit 40 Jahren – und aus seinen Spaßaktionen, die er zu Beginn der Coronakrise im Jahr 2020 initiiert hatte. An der „längsten Bank der Welt“ direkt am Nord-Ostsee-Kanal lud Holgi, wie ihn seine Freunde nennen, zum sogenannten Abstandsmanöver. Jeden Sonntag trafen sich bis zu 150 Frei- und Querdenker und spazierten in zwei Reihen am Wasserweg entlang.
Abstandsmanöver an der längsten Bank der Welt rief Polizei auf den Plan
Die Aktion rief schnell die Polizei auf den Plan, die mit Masken ausgestatteten Beamten monierten sofort die geringen Abstände der Beteiligten. „Aber das üben wir doch gerade, deshalb sind wir hier, hatten wir den Polizisten gesagt. Das haben die auch geschluckt, und einige grinsten auch“, erinnert sich Alfred und lacht. Der ehemalige Betreiber eines Garten- und Landschaftsbaubetriebs lebt in einem alten Bauernhaus mit einem wunderschönen, parkähnlichen Garten inklusive eines Fischteichs und einer als Bühne genutzten, Efeu umrankten Ruine. Über dem Eingang prangt der Name dieses dörflichen Refugiums: Paradies.
Alfred, Benita und Holger entwickeln zusammen mit weiteren Enthusiasten jetzt eine Veranstaltungsreihe im Paradies, das neben dem Garten auch das Ess- und Kaminzimmer im Haus umfasst. Dabei gelten die Regeln der menschlichen Schenkwirtschaft, erklärt Holger. Erste Aktionen gab es bereits, so trat das Duo „Ziemlich anders“ auf und bald wird Jens Fischer Rodrian dort gastieren.

Vorträge sind auch geplant, neben einer Kräuterfachfrau laden die Akteure einen Lehrer für Gebärdensprache ein. Damit will Holger Thiesen Raum für eine besondere Idee schaffen: Mit der Gebärdensprache würde die Verständigung der Menschen weltweit viel einfacher sein.
Welten – Wandlungsreisender als Housekeeper, Baumeister, Lebenslotse und Trainer
Neugierig ist Holger, der sich eine kurze Zeit lang im Bundesvorstand der Partei „Die Basis“ engagierte, nach wie vor auf Begegnungen und die Zusammenarbeit mit anderen Menschen. Er sieht sich als Welten-Wandlungsreisenden, der auf der „Walz“ seine Zeit, Geschicklichkeit, Geduld und Erkenntnisse schenken möchte. Zum Beispiel als „housekeeper“ wie zuletzt in Dänemark, wo er das erste Mal in seinem Leben eine Herde schwarzer Schafe hütete. Jetzt wünscht er sich weitere Interessierte, wo er seine Möglichkeiten als Baumeister, Lebenslotse oder Trainer einbringen kann – auch mit seinen selbst entwickelten Spielen.„Wenn ich Welt-Bildungsminister wäre, würden alle Grundschulen Gebärdensprache unterrichten, Kinder haben richtig Spaß das zu üben“, erklärt Holger, der seit Jahrzehnten auch als Coach und Trainer für Kommunikation unterwegs ist. Weitere Fähigkeiten hat der gelernte Architekt aber auch auf anderen Feldern entwickelt. Als Verfechter einer direkten Demokratie stellt er sich seit vielen Jahren als unabhängiger Kandidat bei Bundestags-, Landtags- und Kommunalwahlen auf, gewählt wurde er zuletzt in den Kreistag des Kreises Rendsburg-Eckernförde. Dort gelang es ihm, eine kleine Schule vor der Schließung zu bewahren. „Letztlich ging es um Missverständnisse in der Kommunikation, die ich mit ausräumen konnte.“
Welten – Wandlungsreisender als Housekeeper, Baumeister, Lebenslotse und Trainer
Neugierig ist Holger, der sich eine kurze Zeit lang im Bundesvorstand der Partei „Die Basis“ engagierte, nach wie vor auf Begegnungen und die Zusammenarbeit mit anderen Menschen. Er sieht sich als Welten-Wandlungsreisenden, der auf der „Walz“ seine Zeit, Geschicklichkeit, Geduld und Erkenntnisse schenken möchte. Zum Beispiel als „housekeeper“ wie zuletzt in Dänemark, wo er das erste Mal in seinem Leben eine Herde schwarzer Schafe hütete. Jetzt wünscht er sich weitere Interessierte, wo er seine Möglichkeiten als Baumeister, Lebenslotse oder Trainer einbringen kann – auch mit seinen selbst entwickelten Spielen.

Seit 1984 ist Holger als Spiele-Entwickler aktiv. Neben Gesellschaftsspielen kreierte Holger auch Querdenkerspiele wie das „Körpersprechen“-Kartenspiel. „Das Spiel habe ich mit Physiotherapie-Studenten entwickelt, das war eine großartige Sache“, erinnert er sich. Gleiches will er auch den Mitgliedern der Genossenschaft Menschlich Wirtschaften anbieten. „Wir können zusammen ein Spiel entwickeln, das die Prinzipien der Genossenschaft spielerisch einbezieht – und das für Spaß, Freude und noch mehr Miteinander sorgt“.
Wer etwas zum Paradies in Hamdorf oder sich als Wandlungsreisenden-Besuchsort anbieten möchte oder beim Spiele-Entwickeln mitmachen will, kann Holger Thiesen unter Tel. 49-151-26188988 oder über Telegram (@HolgerThiesen2) kontaktieren.
Text und Fotos: Sven Tietgen
Ursprüngliche Worte
Teil 16: mannigfaltig

Foto: Mario Sunmir; www.sonnenmeer.eu
„Mannigfaltig“ – da fällt mir zuerst etwas Wunderschönes in vielen bunten Farben ein. Ein Regenbogen, zum Beispiel. Oder eine Blume. Oder ein Schmetterling. Etwas, das zeigt, wie vielfältig und facettenreich doch die Natur um uns herum ist.
Doch woher kommt das Wort eigentlich? „Mannig“ ist in der Tat ein sehr alter Ausdruck, der sich bis ins 8. Jahrhundert auf das althochdeutsche „manag“ zurückverfolgen lässt. „Mannigfaltig“ als Ganzes geht auf das althochdeutsche „managfaltīg“ bzw. „manīgfaltīg“, später mittelhochdeutsch „manecvaltec“ zurück.
Auch heute ist es in leicht abgewandelter Form noch in verschiedenen germanischen Sprachen wiederzufinden. In Deutsch selbst als „Menge“, im Englischen als „many“ und in den skandinavischen Sprachen in einer Version von altnordisch „mangr“; z. B. Dänisch/Norwegisch „mange“, Schwedisch „många“. Sogar die slawischen Sprachen machen Gebrauch von dieser Konsonantenkombination. Allerdings folgt der Vokal hier auf das „n“ und nicht das „m“: altslawisch „mъnogo“, Russisch „mnógo“ (много). Im Gegensatz zu „viel“, das auf „filu“ bzw. „filo“ zurückgeht, bezieht sich „mannig“ immer auf eine zählbare Menge.
Wo überall begegnen uns denn „mannigfaltige“ Dinge? Auf alle Fälle in der Malerei und Musik. Unendlich viele Farben und Farbverläufe, genauso wie Melodien, in all ihren Akkorden, Höhen und Tiefen. Andererseits spiegelt sich die Mannigfaltigkeit auch in Strukturen wider: Keine Schneeflocke, keine Spur von Meereswellen im Sand und keine Landschaft auf der Welt gleicht der anderen. Ebenso wie kein Lebewesen dem anderen gleicht – Einzigartigkeit in der unendlichen Vielfalt.
Sogar die Pop-Kultur macht sich „mannigfaltig“ zueigen: Zum Beispiel in der „Unendlichen Geschichte“, als Atréju am „Meer der Möglichkeiten“ steht, bevor er den Glücksdrachen findet. Oder die Grundidee von „IDIC“ in Star Trek (Raumschiff Enterprise), vom Schöpfer Gene Roddenberry selbst gefunden und auf den Punkt gebracht: „IDIC“ ist das Akronym für „Infinite Diversity in Infinite Combinations“ („Unendliche Vielfalt in unendlichen Kombinationen“).
Viele Wunder zu entdecken, wenn man mit offenen Augen und Herzen durch die Welt geht.
Text: Carin Utermöhle
Link zu „mannigfaltig“: https://www.dwds.de/wb/mannigfaltig
Der Anglizismus des Monats
Teil 13: Cut

Illustration: Frida Aue
Cut. Schnitt. Ende. Aus. – Oder doch nicht? Ein „Cut“ markiert meist das Ende eines Abschnitts. Auf der anderen Seite aber gleichzeitig auch den Anfang eines neuen! Die alten Römer hatten das sehr anschaulich in Form ihres doppelgesichtigen Gottes „Janus“ dargestellt, von dem auch unser „Januar“ abgeleitet ist. So, wie Janus gleichzeitig voraus und zurück blickt, so markiert der Januar nicht nur die Vorschau auf das kommende Jahr, sondern auch den Rückblick auf das vergangene. In der germanischen Götterwelt sind es die Raben Hugin und Munin, die Odin begleiten. Hugin („Gedanke“) fliegt voraus und Munin („Erinnerung“) fliegt zurück.
Die markantesten Einschnitte im Leben selbst sind jedoch die Geburt und der Tod. Am Anfang ein Übergang vom geschützten Raum im Bauch der Mutter in die Selbstständigkeit der Außenwelt und am Ende wieder zurück in den Schoß von Mutter Erde. In keinem Fall wissen wir vorher, was mit uns passieren wird.
Auf die wenigsten Zäsuren im Leben haben wir Einfluss. Manche können durchaus willkommen sein, was wir dann als „Schicksal“ oder „glückliche Fügung“ bezeichnen. Andere hingegen sind ein wahrer „Bruch“ und stellen das ganze Leben auf den Kopf, sodass wir uns bald völlig neu erfinden und neue Wege gehen müssen, um überleben zu können. Einer These zufolge passieren solche einschneidenden Veränderungen alle sieben Jahre.
Ein Cut ist jedenfalls kein Ende. Es ist der Moment, in dem zwei Zeiten sich berühren, ohne sich festhalten zu können. Was eben noch Gegenwart war, wird Vergangenheit und etwas anderes tritt an seine Stelle, oft noch namenlos. Der Neubeginn. Die Chance! So wie im Bild, wo aus der geschnittenen Gurke ein leckerer Salat werden kann.
Warum nutzen wir dennoch eher das Wort „Cut“? Es klingt härter und bewusster, als ließe sich das Leben schneiden, wie ein Film. Als gäbe es eine klare Trennung zwischen Vorher und Nachher. Vielleicht ist es auch eine heimliche Sehnsucht nach Kontrolle, wobei das Leben doch eher Übergänge kennt. Die meisten Übergänge fransen jedoch aus und „Cut“ ist nur unser Versuch, Unschärfe in eine Linie zu zwingen.
Text: Carin Utermöhle
Liebe Leserinnen und Leser, gerne könnt ihr uns per E-Mail () eure Lieblingsübersetzungen für den jeweiligen Anglizismus zusenden. Wir freuen uns über jede Zuschrift!
Rudolf Diesel: Eine Stimme aus der Vergangenheit als geistiger Mitgründer der Betriebe der Zukunft
Man stelle sich – vereinfacht dargestellt – Folgendes vor: Eine Gruppe von Menschen möchte ein neues Auto auf den Markt bringen: das Wir-Mobil. Abgesehen davon, dass dieses Auto extrem umweltfreundlich hergestellt wird, hat es noch eine andere Besonderheit: Alle, die am Vertrieb und an der Produktion dieses Produkts beteiligt sind, verdienen das Gleiche. Je mehr Autos produziert und verkauft werden, desto mehr verdient jeder einzelne Mitarbeiter der Automobilmanufaktur daran. Jeder – ganz gleich, welche Aufgabe er im Betrieb hat.
Dann kommt der Tag, an dem es für alle so gut läuft, dass man sagen kann: „Okay, unsere körperlichen und seelischen Bedürfnisse können jetzt problemlos befriedigt werden, sodass wir in einem gut ausgewogenen Wohlstand leben. Allerdings gibt es durchaus noch Verbesserungsbedarf in den regionalen Infrastrukturen im Einzugsbereich unserer Fabrik. Wie wäre es, wenn wir bei weiteren Einnahmesteigerungen einen Teil des Geldes nutzen, um den städtischen Zoo oder das Theater vor Ort zu unterstützen?“
Möglicherweise reicht den Betriebszugehörigen das Bildungsangebot nicht aus, und sie finanzieren den Aufbau einer freien Schule. Klingt doch erst einmal schön. Aber ist das realistisch?
Natürlich ist es das. Wir reden ja nicht von einem bemannten Raumflug zum Jupiter. Es liegt durchaus im Bereich des physikalisch Machbaren. Allein der gemeinsame Wille Tausender von Bürgern müsste dafür aktiviert werden. Sie alle müssten allmählich lernen, im „Wir“ anstatt im „Ich“ zu denken – und entsprechend zu handeln, und zwar aus dem eigenen individuellen Wunsch heraus. Denn wir reden hier nicht von Kommunismus, sondern von einem Konzept, das unter den gegenwärtigen wirtschaftlichen und juristischen Bedingungen von freien Bürgern umgesetzt werden kann. Damit das Kind einen Namen hat und gleichzeitig schlüssig wirkt, nennen wir es „Wir-Bürger“.
Eine Bürgschaftskasse für eine neue Wirtschaft
Um eine Firma ins Leben zu rufen, die auf diese Art betrieben wird, muss man nicht zwangsläufig ganz von vorne anfangen, sondern es können auch bereits existierende Unternehmen entsprechend umstrukturiert werden. In jedem Fall braucht es jedoch ein Startkapital. Dabei handelt es sich oft um Kredite, die aufgenommen und dann mit der Zeit wieder abbezahlt werden müssen.

Leider wird es aber immer schwieriger, einen Kredit gewährt zu bekommen. Was tun? Man sucht jemanden, der genug Geld auf der Kante hat, um für einen zu bürgen. Suchen wir uns also einen steinreichen Philanthropen? Lieber nicht. Inzwischen sollten wir genug schlechte Erfahrungen gesammelt haben, um den Fehler zu vermeiden, unser Schicksal irgendwelchen Milliardären anzuvertrauen.
Wir packen das lieber von der Graswurzel aus an. Fänden sich tausend Menschen, die diese Idee großartig finden und daran glauben, dass wir uns eine neue Zukunft erschaffen könnten, wenn jeder von uns monatlich drei Euro in eine Bürgschaftskasse zahlt, dann hätten wir nach einem Jahr schon 36.000 Euro, um damit zu bürgen. Kommen im nächsten Jahr noch einmal tausend Bürger dazu, dann würden sich zu den 36.000 Euro weitere 72.000 Euro gesellen, und wir wären im sechsstelligen Bereich. Um jedoch gesellschaftlich wirksam zu werden, brauchen wir eher mehrere Millionen – und dafür wiederum ein paar Jahre Geduld. Wird das einfach sein? Nein. Aber es ist realistisch.
Man war vertraut genug um einen burschikosen und emotionalen Tonfall mit gegenseitigem Respekt und Achtsamkeit zu verbinden.
Der Verein Wirkraft e. V. versammelte sich Ende Februar im Haunetal nahe Fulda, um die Grundlagen für eine Bürgschaftskasse zu schaffen. Ich durfte mit dabei sein, um darüber zu berichten. Das Ganze fand in einer Art Mischung aus Jugendherberge und Kongresszentrum im Ferienpark Wehrda statt. Am Freitagabend strömten zunächst aus allen Himmelsrichtungen die Vereinsmitglieder herbei, um sich mit einem großen Hallo zu begrüßen und sich an der gegenseitigen analogen Präsenz zu erfreuen. Denn die Regel lautet ansonsten: „Donnerstagabends digital!“
Der Freitag wurde also erst einmal genutzt, um gemeinsam zu kochen und dabei miteinander warm zu werden. Am Samstag sollte es jedoch nach dem Frühstück direkt ans Werk gehen. Nun durfte ich über mehrere Stunden Zeuge davon sein, wie bei Wirkraft Ziele gesetzt und Vorgehensweisen ausgehandelt werden. Ziemlich schnell wurde mir klar, dass sie nicht zum ersten Mal miteinander zu tun haben. Man war nämlich durchaus in der Lage, einen burschikosen und emotionalen Tonfall mit gegenseitigem Respekt und Achtsamkeit zu verbinden.


Das ist immer ein gutes Zeichen, denn wird zu viel gesäuselt und ist man ängstlich darauf bedacht, sich mit seiner Meinung nicht unbeliebt zu machen, entstehen unterschwellige Spannungen, und zudem werden wichtige Themen und Kritikpunkte nicht verhandelt. Es stand auch ganz klar das gemeinsame Ziel im Mittelpunkt und nicht die Überproduktion persönlicher Egos. Bei alledem – das will ich noch einmal betonen – gab es Raum für Ideenreichtum und Individualität.
„Dass ich den Dieselmotor erfunden habe, ist schön und gut. Aber meine Hauptleistung ist, dass ich die soziale Frage gelöst habe.“
Zu Beginn der Sitzung las Mike zunächst den Entwurf des sogenannten „Volksvertrages“ vor. „Volksvertrag“ klingt erst einmal ein wenig altmodisch – das liegt jedoch daran, dass dieser Entwurf auf Vorlagen basiert, die sich Rudolf Diesel zu Beginn des letzten Jahrhunderts erdacht hatte. Ja, ihr hört richtig: Es geht hier um den Erfinder des Dieselmotors. Er selbst sagte jedoch, dass dies nicht seine Hauptleistung gewesen sei, sondern dass er die soziale Frage gelöst habe.
Solidarismus ist ein von ihm 1903 veröffentlichtes wirtschaftssoziales Modell, das auf Freiwilligkeit, Genossenschaftswesen und der Bildung einer „Volkskasse“ als zentralem Element zur Schaffung einer gerechten Gesellschaftsordnung basiert.
Mit solchen Ideen machte sich Diesel im Kapitalismus wenig Freunde. Dass er dann bei einer Überquerung des Ärmelkanals vom Schiff verschwand und Tage später als Leiche an Land gespült wurde, gibt noch heute reichlich Anlass zu Spekulationen. Immerhin hatte der hochintelligente Erfinder zu dieser Zeit eine weitreichende Stimme.
Seine Ideen jedoch sind nicht mit ihm ertrunken, sondern fristeten ein Schattendasein im Glanz eines Raubtierkapitalismus, der nach der Öffnung der Mauer allmählich in einen gnadenlosen Neoliberalismus mündete. Vielleicht ist es gerade jetzt an der Zeit, den Solidarismus aus dem Bücherregal zu holen, den Staub von ihm herunterzupusten und zu prüfen, ob darin nicht ein Schatz schlummert, den wir gemeinsam heben können. Ist er erst einmal modernisiert und in Form gebracht, könnte dies für viele Menschen eine Lösung sein.
Zur Wirkraft Webseite und Kontakt
Wirtschaftsjuristen und Hausmacherwurst
Um nichts anderes ging es bei diesem Treffen. Deswegen hat man den ursprünglichen Begriff „Volkskasse“ in die modernere Form der Bürgschaftskasse transformiert. Der „Volksvertrag“ war jedenfalls das Papier, das von den rege diskutierenden Wirkraft-Mitgliedern als Grundlage für dieses sehr ambitionierte Finanzierungsprojekt herangezogen wurde.
Mir persönlich gefiel übrigens die etwas altmodische Ausdrucksweise Rudolf Diesels, aber ich habe durchaus Verständnis dafür, dass der Solidarismus für eine breite Akzeptanz sprachlich aufgefrischt werden muss. Das gilt natürlich auch für einige Inhalte, die nicht mehr zeitgemäß sind und zudem mit bestehenden Wirtschaftsbedingungen und Gesetzen abgeglichen werden müssen. Hierfür wird noch ein guter Jurist gesucht. Lieber Herr Anwalt, wenn Sie das hier lesen, melden Sie sich bitte unter .
Am Ende noch eine gastronomische Empfehlung: Zwar hatten wir meist gemeinsam gekocht – und zwar sehr lecker –, jedoch wollten wir es uns nicht nehmen lassen, die einzige Gaststätte des Ortes einmal zu beehren. Sie sollte eigentlich erst um 20 Uhr öffnen, da wir aber eine halbe Stunde zu früh aufgetaucht waren, erwies man sich als großzügig und ließ uns schon einmal etwas früher herein.
Die urige und schlichte Atmosphäre sowie die natürlich freundlichen Gastgeber passten wunderbar zu ihrer leckeren Hausmacherwurst und den weiteren äußerst günstigen und dennoch schmackhaften Speisen, mit denen wir dort verwöhnt wurden. Es war ein Familienbetrieb in fünfter Generation, und ein bisschen fühlte man sich tatsächlich in alte Zeiten zurückversetzt. Wer weiß – vielleicht hatte dereinst schon Rudolf Diesel hier gespeist. Man kann nie wissen.
Fotos und Text: Oliver Schindler
Wild und Grün
Lohnenswerter Blick nach oben
Jetzt ist die Zeit für essbare junge Blätter
Lange Jahre war mein Blick beim Sammeln essbarer Wildpflanzen streng nach unten gerichtet. Spätestens ab dem Frühjahr scannte ich den Boden, je nach Umfeld mehr oder weniger intensiv, nach essbarem wildem Grün ab und wurde hier – meist – fündig.

Die zarten, jungen Blätter der Hainbuche schmecken in Salaten oder Smoothies. Typisches Erkennungsmerkmal sind die gezackten Blattränder. Foto: Daniela Aue-Gehrke
Seit einiger Zeit weiß ich: Auch der Blick nach oben lohnt sich. Gerade und nur jetzt (!) im Frühjahr, wenn vielerorts die Bäume austreiben, ist die Zeit der essbaren Blätter. Während im fortgeschrittenen Jahr der Anteil an Gerbstoffen bei den meisten Arten steigt und die Baumblätter ungenießbar macht, ist das junge Grün im Frühling ein wertvoller Lieferant für Vitamine, Mineralstoffe und gesundheitsfördernde sekundäre Pflanzenstoffe.
Richten wir den Blick auf die Familie der Birkengewächse (Betulacaeae). Für Allergiker ein Albtraum, lassen sie mein grünes Herz höherschlagen. Birken, Hasel, Erlen und Hainbuche gehören zu den wichtigsten heimischen Arten, ihre Blütenstände – so quälerisch von Heuschnupfen Geplagte diese erleben – sind reich an Proteinen und Mineralstoffen. Sie lassen sich vielseitig in der Küche verarbeiten und sind getrocknet und gemahlen u.a. zur glutenfreien Anreicherung von Mehl geeignet. Die für die Birkengewächse so typischen Haselkätzchen, den männlichen Samenständen, sind ein Erkennungsmerkmal auch bei den anderen Arten.
Magisches Rauschen im Ohr
Auch die jungen Blätter lassen sich von allen Arten z. B. im Salat oder Smoothie genießen. Am vielseitigsten in Sachen Heilwirkung und Kulinarik dürfte dabei die Birke sein. Aufgrund ihres schnellen Wachstums als Pionierbaum häufig auf Brachflächen oder nach Kahlschlägen in Waldgebieten zu finden, kann der Stamm noch bis Anfang April angezapft werden, um frisches Birkenwasser zu ernten. Mit ca. 4 Prozent Zuckergehalt handelt es sich um ein leichtes, schmackhaftes und gesundes, mineralienhaltiges Erfrischungsgetränk. Ein für mich besonderes Erlebnis ist immer wieder das Lauschen am Stamm, wenn die Säfte im Frühjahr emporsteigen, um auch die entlegensten Baumteile mit Nährstoffen zu versorgen. Eine leere Küchenrolle kann dafür wie ein Stethoskop an den Stamm gehalten werden. Dieses Rauschen im Ohr ist nahezu magisch.
Nützlich für Haare, Haut und Zähne
Wer gerne ein eigenes Feuer entfacht, weiß vielleicht um die Brennbarkeit der Birkenrinde. Sie enthält Teer und lässt sich mit etwas Geschick sogar bei Feuchtigkeit entfachen. Das wasserabweisende Betulin eignet sich zur Herstellung von Schachteln und Dosen für Vorräte. Mancherorts wird die Rinde deshalb sogar beim Dachdecken eingesetzt. Und damit nicht genug: Auch bei der Hautpflege wird der Birke einiges zugetraut, sogar von der Kosmetikindustrie. Wer in Drogeriemärkten oder Apotheken nach Birkenprodukten Ausschau hält, wird vor allem in der Abteilung für Haut und Haare schnell fündig. Und auch der Birkenzucker hat Heilungspotenzial. Xylit wird von Karies fördernden Bakterien verzehrt, kann aber nicht von ihnen verdaut werden, sodass die kleinen Störenfriede davon sterben. Ich selbst nehme nach den Mahlzeiten gerne einen Teelöffel davon in den Mund, lasse das süße Pulver langsam zergehen, um es nach einigen Minuten getaner Arbeit auszuspucken.
„Die Hainbuche hält die größten Verstümmelungen aus.“
Mein persönlicher Favorit unter den Birkengewächsen ist allerdings die Hainbuche. Ihre jungen Blätter lassen sich so unglaublich schmackhaft in meine Gemüseküche integrieren und das Beste: Sie ist in meinem städtischen Umfeld verbreitet und lässt sich, aufgrund der geringen Wuchshöhe leicht und garantiert hundepipifrei ernten. Häufig wird sie als schnell wachsende Grundstücksbegrenzung angepflanzt, und ich knipse mir beim Vorbeigehen, meist unbemerkt, ein paar Blätter ab. Wer würde schon auf die Idee kommen, die Vorgartenhecke zu essen? Dass die Hainbuche für Hecken und Gärten zurechtgestutzt wurde, hat übrigens lange Tradition. Bereits im 18. Jahrhundert presste man sie in rechteckige, kastenförmige und quadratische Formen. „Die Hainbuche hält die größten Verstümmelungen aus“, so die Kräuterexpertin Susanne Fischer-Rizzi. Ihr Holz ist extrem hart und schwer zu verarbeiten, es wurde früher sogar für Mühlräder und Zahnräder verwendet, sodass der Begriff „hanebüchen“ ursprünglich diente, um grobe, derbe Menschen zu charakterisieren. Daraus wurde dann wohl die Bezeichnung „grober Unfug“, die in die heute eher gängige Bezeichnung für Absurdes, Aberwitziges mündete. Mit den zarten, schmackhaften Blättern hat all das natürlich wenig zu tun. Auch wenn das Beernten von Grundstückbegrenzungen zum Verzehr so manch einem absurd vorkommen könnte.
| Heilende und schmackhafte Rezepte für Baumblätter Für Smoothies: zwei Handvoll junge Blätter von Birke, Hasel oder Hainbuche mit Birnen oder anderem Obst sowie einer halben Avocado, einer halben Zitrone, einer Dattel und einem Glas Wasser mixen und frisch genießen. Für Salate einfach nach Geschmack junge Baumblätter mit saisonalem Salat mischen, Avocado und Nüsse oder Kerne hinzugeben und mit Zitrone und Olivenöl abschmecken. Birkenblättertee: einen Esslöffel getrocknete Blätter mit heißem Wasser übergießen und 10 Minuten ziehen lassen. Wirkt entwässernd. Bad mit Birkenblättern: Zunächst einen Absud aus Birkenblättern herstellen. Dafür 4 Handvoll Blätter mit ca. 3 Litern Wasser aufkochen und über Nacht ziehen lassen. Den Sud in das Badewasser geben. Lindert Schuppenflechte und hilft bei unreiner Haut. Fußbad mit Hainbuchenblättern: 3 Teile Hainbuchen- und je 1 Teil Salbeiblätter und Thymiankraut trocknen und 3 Esslöffel davon mit 2 Litern kochendem Wasser übergießen, ca. 10 Minuten ziehen lassen und abseihen. Bei geschwollenen Füßen oder Schweißfüßen als Fußbad anwenden. (nach Susanne Fischer-Rizzi) Tipp: Birkenwasser kann wie folgt geerntet werden: Einfach einen waagerecht wachsenden, fingerdicken Zweig abschneiden und eine Flasche darüberstülpen. Über Nacht wird diese mit dem kostbaren Wasser gefüllt sein. (nach Dr. Markus Strauß) Bezugsquellen für Birkenprodukte: www.birkenrinde.de |
Text: Daniela Aue-Gehrke
Layouter für MWM – Onlinezeitung gesucht
Lieber Leser,
seit Herbst 2024 gibt es nun die MWM Onlinezeitung. Monatlich berichten wir aus dem Netzwerk von Menschlich Wirtschaften sowie aus vielen weiteren Bereichen unserer Gesellschaft, in denen Menschen sich dafür einsetzen, unsere Welt schöner und lebenswerter zu gestalten.
Unser Redaktionsteam arbeitet mit viel Enthusiasmus, Professionalität und gegenseitiger Wertschätzung. Einmal im Monat treffen wir uns digital, um Ideen auszutauschen und die nächste Ausgabe zu planen.
Seit Ende 2024 konnten wir dank unserer Layouterin Marion dieses besondere Blatt zusätzlich als PDF anbieten. So hatte jeder die Möglichkeit, die Zeitung im eigenen Laden oder an anderen Orten auszulegen und dazu beizutragen, dass sich unser menschliches Schaffen über das Netzwerk hinaus verbreitet.
Leider ist Marion schwer erkrankt. In unserem Team verfügt derzeit niemand über die technischen Fähigkeiten, ihre wichtige Arbeit zu übernehmen.
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