Neu in der Genossenschaft, Teil 1: Besuch bei Rolf und einer Gemeinschaft, die seit den 1970ern Menschen zusammenbringt
Fragt man Rolf, was die Kooperative Dürnau eigentlich ist, zählt er zuerst auf: eine Druckerei, einen Verlag, eine Schreinerei, eine Gärtnerei, eine Landwirtschaft, einen Vertrieb. Gleich danach räumt er die Liste wieder ab. „Das füllt dann jeweils die Schublade eines Klischees“, sagt er. „Aber die Wirklichkeit sieht natürlich ein bisschen anders aus.“
Wir haben trotzdem versucht, ein Bild zu zeichnen. Es ist ein Bild, das Rolf selbst einen „Gegenwartsschnitt“ nennen würde: Es gilt für den Moment, in dem man hinschaut.
Angefangen hat es in einer Wuppertaler Mietwohnung
Die Wurzeln der Kooperative reichen in die 1970er-Jahre zurück. Rolf ist also seit rund einem halben Jahrhundert dabei. Er betrieb damals in Wuppertal eine Informationsstelle, die alternative Initiativen miteinander und mit Suchenden in Verbindung brachte. Nebenbei fuhr er die Eier des einzigen Biobauern der Gegend in die Wohngemeinschaften der Umgebung. Dafür bekam er keinen Pfennig. „Ich habe das einfach gemacht, weil ich das sinnvoll fand, und der Bauer hat sich auch gefreut.“
Einen Masterplan gab es nie, und den gibt es bis heute nicht. „Für uns war immer das zentrale Element, Menschen mit anderen Menschen verbinden zu wollen.“ Aus diesem Umfeld entstand ein Druckereibetrieb. Als es in der Stadt nicht mehr weiterging, zogen sieben Menschen gemeinsam nach Dürnau in Oberschwaben. Vier von ihnen sind heute noch dabei, und viele andere sind seither dazugekommen.
Acht Häuser in einem Dorf mit 480 Einwohnern
Die Kooperative ist kein einzelnes Gebäude. Sie verteilt sich auf fünf bis acht Häuser im Dorf, dazu kommen ein Gästehaus und ein zweites, das zu drei Vierteln fertig ist. Die Betriebe sind jeweils eigene Kommanditgesellschaften, die eine gemeinsame Verwaltungsgesellschaft zusammenhält. Deren Geschäftsführer ist Rolf.
Ungewöhnlich ist, wie hier gearbeitet wird. Es gibt nur noch einen einzigen Angestellten. Alle anderen sind versorgt, stehen aber bewusst in keinem klassischen Arbeitsverhältnis. Wie das wirtschaftlich aufgeht? „Stellt man sich so vor“, sagt Rolf auf die Frage, ob eine Schreinerei nicht auf die Zahlen schauen müsse. „Aber es funktioniert. Und unsere Kunden sind auch zufrieden mit uns. Die kommen alle wieder.“
Das Bauen taucht in keiner Betriebsliste auf, gehört aber zu den größten Aufgaben vor Ort.
„Die Dürnauer, die können das“
Die Auftraggeber sind bunt gemischt. Ein Dürnauer Mundartdichter lässt seine Bücher hier drucken, ebenso Waldorfschulen und die Freie Gemeinschaftsbank in Basel. Die Schreinerei hat Außenarbeiten für das Keltenmuseum Heuneburg gemacht, die Christengemeinschaft in Zürich bekommt gerade eine neue Küche, und die Nachbarn lassen sich eine Tür bauen.
Werbung braucht es dafür kaum. Aufträge entstehen aus Begegnungen und Empfehlungen. Rolf erzählt von einem großen Messeauftritt der Waldorfschulen in Bern: Der beauftragte Grafiker habe gesagt, „das machen die Dürnauer, die können das“. Am Ende kamen das Ausstellungskonzept, die Grafik und die geschreinerten Stellwände aus einer Hand.
Lernen an dem, was entsteht
In Dürnau wird ausgebildet, staatlich anerkannt, mit mehreren Ausbildungsberechtigten vor Ort. Der erste Auszubildende der Schreinerei kam aus Kenia. Die aktuelle Auszubildende ist 67 Jahre alt.
Was für Rolf am Ende zählt, ist aber nicht das Zeugnis, sondern das, was entsteht. Er erklärt es an einer Tür: Man kann sie perfekt zeichnen und einbauen lassen, und sie sieht trotzdem nicht gut aus. Oder ein Schreiner sagt, das muss ein bisschen anders werden, bastelt herum, und am Ende stehen alle davor und staunen. „Ob der Schreiner dafür einen Facharbeiterbrief hatte oder nicht, spielt überhaupt keine Rolle.“
Wer die Werkstätten sieht, versteht, was er meint. Ines aus unserer Genossenschaft war zwei Tage vor Ort: „Du gehst da rein und denkst, das ist wirklich Wahnsinn. Die Möglichkeiten, die man hier hat, die Größe und die Ausstattung.“
Mitten im Dorf
Die Kooperative ist im Ort fest verankert. Rolfs Sohn leitet die Musikkapelle, die größte soziale Einrichtung im Dorf. Es gibt eine Theatergruppe, die im Sommer und zu Weihnachten auftritt. Mit den Kindern werden Rübengeister geschnitzt, und vorletztes Jahr fand auf der Wiese der Kooperative ein Eishockeyturnier statt.
Jeder Besuch ist ein Gegenwartsschnitt
Wie sieht ein typischer Tag in Dürnau aus? Rolf winkt ab. Eine „brauchbare Vorstellung“ sei so klischeehaft, dass sie nicht zutreffe. An einem Sonntag kümmert sich die Buchbinderin um die Blumenkübel, zwei andere machen den ganzen Tag Pralinen, und Rolf zeigt Gästen die Betriebe. „Wenn man beim nächsten Mal kommt, dann ist irgendwo ein Dach drauf oder ein Dach runter.“
Gäste sind willkommen und können vor Ort wohnen. Es kommen Reisende, die sich umschauen, Menschen mit Interesse an Pädagogik oder an einem Handwerk, Wanderlinge, die in der Schreinerei mitarbeiten. Die Kooperative ist außerdem Träger der freien Jugendhilfe. Voraussetzungen gibt es keine: „Man braucht weder Abitur, noch muss man blöd sein. Man muss es halt versuchen.“
Auch die Anthroposophie gehört zur Geschichte. Rolf hat sie früh über Rudolf Steiners „Philosophie der Freiheit“ kennengelernt, und in Dürnau gibt es einen Zweig der Anthroposophischen Gesellschaft. Eine Bedingung für irgendetwas ist sie nicht. „Wir sind ganz normale Menschen. Bis auf Samstagabend, da sind wir alle Anthroposophen.“
Rolf sagt offen, dass sie sich in den letzten Jahren zu wenig darum gekümmert haben, Gäste einzuladen. Das soll sich ändern.
Was die Kooperative in die Genossenschaft mitbringt
Zur Menschlich Wirtschaften eG kam Rolf über Thomas Brunner. Er hat bei uns bereits Vorträge zu Wirtschaftsfragen gehalten, war beim Genossenschaftstreffen in Betheln und fährt in zwei Wochen zu einer Vernetzungsgruppe an den Ammersee.
Sein Anliegen für die Genossenschaft ist klar: mehr Orte wie Dürnau, mehr produktive Betriebe, mehr Möglichkeiten, ein Handwerk zu lernen. Reden allein reicht ihm nicht. „Am Ende haben wir das schon ganz gerne, wenn daraus irgendwas erwächst, was Menschen ermöglicht, ihren Gestaltungsdrang mit ihren Händen in der Praxis auszuüben.“
Dazu passt ein Angebot, das beim Besuch entstanden ist: Dürnau oder ein Platz in der Nähe könnte ein Ort für künftige Treffen der Genossenschaft werden. Rolf hat dabei schon einen konkreten Platz im Kopf, für ein Treffen im Zelt unter freiem Himmel.
Wer wirksam werden möchte
Wer neugierig ist, ein Handwerk kennenlernen, mitarbeiten oder einfach einmal vorbeischauen möchte, meldet sich bei der Kooperative. Um Gäste und Unterbringung kümmert sich Ulrike. Gesucht wird übrigens gerade auch jemand, der Lust auf Elektronik und Heizungsregelung hat.
- Telefon: 07582 93 0093 (Mo-Do 9-12 und 14-17 Uhr)
- Mail:
- Web: www.kooperative.de. Eine neue Website ist in Arbeit.
Rolf würde sagen: Am besten versteht man Dürnau, wenn man hinfährt.
In den nächsten Teilen schauen wir genauer hin: auf die Werkstätten, auf die Frage, wie man ohne Angestellte wirtschaftet, und auf die Menschen, die in Dürnau zu Gast sind.

















