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MWM Onlinezeitung – Ausgabe März 2026

Vorwort

Liebe Leserinnen und Leser der Online-Zeitung,

die März-Ausgabe unseres Zauberblatts wartet mit einer Premiere auf. Erstmals seit dem Start der Online-Zeitung von Menschliche Werte Medien veröffentlichen wir zwei spannende Leserbriefe – und dann noch zum selben Thema. Beide Zuschriften beschäftigen sich mit der Transzendentalen Meditation, die Oliver Schindler in der vergangenen Ausgabe als Erlebnisbericht thematisiert hat. Der Text hat eine Diskussion angestoßen, die auch in der Genossenschaft Menschlich Wirtschaften zur sozialen Dreigliederung geführt wird – und das ist gut so!

Auf Resonanz beim verehrten Lesepublikum hoffen wir auch bei den weiteren Themen in der aktuellen Ausgabe. Daniela Aue-Gehrke beleuchtet in ihrer Besprechung des Interview-Buchs „Ausgewechselt“ von Doreen Mechsner Wechseljahre und Umbruchzeiten bei Männern und Frauen zwischen Mitte 40 und Mitte 50. Dabei geht sie auch auf eigene Erlebnisse und Erfahrungen mit Krisen und Wegen zur Selbsterkenntnis ein. Oliver Schindler schreibt über eine Visionsversammlung in Bad Freienwalde: Dort ging es um inspirierende Ideen für den Erhalt eines besonderen Kraftortes. Weiterhin stellt Beate Diederichs die Freie Weserbergschule in Coppenbrügge vor – ein spannendes Schulprojekt, in dem nicht nur die Natur- und Wildnispädagogik eine zentrale Rolle spielt.

Carin Utermöhle beschäftigt sich in der Rubrik „Ursprüngliches Wort“ mit dem „Fittich“ – und lädt beim Anglizismus des Monats zum Nachdenken über den Cliffhanger ein. In ihrer Reihe „Wild und grün“ gibt unsere Kräuterexpertin Daniela Aue-Gehrke wertvolle Tipps inklusive Hintergrundwissen zum Thema Knospen. Und wie immer freuen wir uns in der Redaktion über Rückmeldungen, schreibt uns gerne eine Mail an

Viel Freude beim Lesen!

Text: Sven Tietgen



Die freie Weserbergschule


Unsere Absolventen kommen nach der Schule gut zurecht“


Die „Freie Weserbergschule“ in Coppenbrügge arbeitet mit einer Kombination aus Ideen verschiedener reformpädagogischer Konzepte. Nach über zehn Jahren seit ihrer Gründung haben nun die ersten Absolventen mit dem Oberschulabschluss die Schule beendet. „Sie sind selbstbewusst, wissen, was sie wollen, und kommen bei dem, was sie nun tun, gut zurecht. Aber sie stellen auch Dinge in Frage“, sagt Sandra Richards. Sie hat die Einrichtung einst mit einer Gruppe gleichgesinnter Eltern auf den Weg gebracht und fungiert nun als Geschäftsführerin der Weserbergschule und als Vorstandsvorsitzende des Trägervereins.

Als Sandra Richards´ eigene Kinder noch klein waren, besuchten sie einen Waldkindergarten. „Es war ein tolles, ursprüngliches Lernen dort. Aber ich befürchtete: Wenn sie in die Schule kämen, würde sich das ändern“, sagt die Diplomarchitektin, die beruflich auch in der Natur- und Erlebnispädagogik und der Projektentwicklung unterwegs war. Gemeinsam mit einer Gruppe gleichgesinnter Eltern entschied sie sich, eine Schule zu etablieren, wo Jungen und Mädchen ähnlich frei und naturnah weiterlernen können wie im Waldkindergarten. „Wir haben dann mehrere alternative Schulen besucht, uns jeweils das aus unserer Sicht Beste herausgenommen und mit dieser Kombination ein eigenes Konzept geschrieben.“ Die „Freie Weserbergschule“ in Coppenbrügge, die 2014 an den Start ging, arbeitet unter anderem mit Ideen von Maria Montessori, Rebeca Wild und Jesper Juul. Die Natur- und Wildnispädagogik spielt eine zentrale Rolle. Los ging es mit einer Grundschule. Doch die Konzeption war von Anfang an auf zehn Jahre gemeinsames Lernen ausgelegt. Daher schließt sich nun eine Oberschule an. Die zehn Jahre sind gegliedert in Primaria von Klasse 1 bis 3, Sekundaria von Klasse 4 bis 6 und Tertia von Klasse 7 bis 10. In dem Gründungsprozess kristallisierte sich ein Kern von sieben Erwachsenen heraus, der das Unterfangen trägt. Mit der „Spiegelbergschule“ einer ehemaligen Förderschule, ländlich gelegen in Coppenbrügge, fand man einen geeigneten Ort. Das Haus ist heute in einen gelben, einen roten und einen blauen Flügel unterteilt. Im gelben sind unter anderem Kunstwerkstatt, Bauraum und Küche untergebracht, im roten die Mathe-Werkstatt und die Deutsch-Werkstatt und im blauen ein „Makerspace“, wo man Dinge herstellen kann, und ein Naturwissenschaftslabor. Draußen warten der Hof, ein Bienengarten, ein Gemüsegarten und der nahe Wald auf entdeckungsfreudige Schüler. Für den Sport nutzt man die Turnhalle einer Nachbarschule. Das Team der „Lernbegleiter“ leitet die Kinder und Jugendlichen auf ihrem Weg an. Dazu gehören unter anderem Lehrer, Erzieher, Natur- und Wildnispädagogen, ein Koch, Künstler, Handwerker und Freiwilligendienstleistende.

Auch eine freie Schule wie die Weserbergschule muss sicherstellen, dass die Schüler bestimmte Lernziele erreichen. Diese werden durch die geltenden Rahmenrichtlinien vorgeschrieben. Doch klassischen Unterricht gibt es kaum. Die verschiedenen Räume der Schule sind als „vorbereitete Umgebung“ gestaltet, wo sich die Kinder und Jugendlichen mit motivierendem Material Wissen und Fertigkeiten aneignen. Am Ende des jeweiligen Abschnitts sind Selbstkontrollen eingebaut. Die Lernbegleiter „halten den Raum“ und sorgen für eine konstruktive Lernatmosphäre. Sie beobachten die Mädchen und Jungen aber auch, helfen bei Bedarf und geben Impulse. „Wir haben festgestellt, dass Kinder mehr Halt beim Lernen brauchen, als wir ursprünglich dachten. Daher ist es gut, dass bei uns die Erwachsenen eine gewisse Führungsrolle und Vorbildfunktion innehaben“, kommentiert Sandra Richards.

Damit die Schüler die Inhalte beherrschen, die für eine spätere Prüfung relevant sind, regelt die Schule beispielsweise über bindende Verabredungen und Wochenpläne, dass sie die Werkstätten der Kernfächer regelmäßig besuchen. Jeder Schüler hat einen Mentor. Die Mentorengruppen treffen sich jeweils früh und zum Tagesabschluss. In der Zeit dazwischen arbeiten die Kinder und Jugendlichen während der Lernphasen nach ihrem selbstbestimmten Plan in den jeweiligen Räumen. „Oft sprechen sie sich aber auch ab, wo sie gemeinsam lernen wollen“, berichtet Sandra Richards. Zensuren gibt es nicht. Über ein „Kompetenzraster“ erfassen die Erwachsenen, die in der Schule tätig sind, was das Kind schon gut kann und wo noch Probleme liegen. Zweimal jährlich besprechen sie dies mit den Eltern und leiten bei Bedarf Fördermöglichkeiten daraus ab. Nach wie vor legt die Schule einen starken Fokus auf die Natur- und Wildnispädagogik – mit einem wöchentlichen Waldtag in den ersten sechs Schuljahren, Forstprojekten und naturnahen Exkursionen und Praktika. Das Forstprojekt im Harz absolvieren die Schüler dabei weitgehend analog, was heißt: ohne Handy. „Das Thema Mobiltelefon ist natürlich auch bei uns kontrovers“, erzählt Sandra Richards. In der Schule seien Handys grundsätzlich nicht erlaubt, was sich aber schwer kontrollieren ließe. Momentan läuft in der Weserbergschule der „bildschirmfreie Monat“. Vorher klärten die Erwachsenen durch Filme und Vorträge unter anderem über die Entwicklung der Technik und Suchtpotentiale von Handys sowie Risiken von Social Media auf. „Während das Team der Schule sich darüber einig ist, Handys nur sehr dosiert zu nutzen, scheiden sich bei den Eltern die Geister: Einige sind total dagegen, während bei anderen das Gerät ständig dabei ist und sie daher kein gutes Vorbild abgeben“, berichtet die Schulinitiatorin.

Nach über zehn Jahren Schulbetrieb haben nun die ersten Jugendlichen die Einrichtung nach der zehnten Klasse verlassen, die meisten mit dem Oberschulabschluss in der Tasche. „Wer den Abschluss möchte – und das ist die große Mehrheit – muss sich extern prüfen lassen. Alle unserer Schüler, die das taten, haben mit guten Ergebnissen bestanden.“ Als Alternative könne man zum Beispiel mittels eines Portfolios zeigen, dass man sich über die Jahre Kenntnisse und Fertigkeiten angeeignet hat, die man für eine Ausbildungsstelle braucht.

Sandra Richards zählt auf, was aus einigen der ersten Absolventen geworden ist: Eine Ehemalige hat eine Ausbildung zur Pferdewirtin gemacht. Mehrere andere sind auf eine Berufsfachschule gewechselt oder wollen das Abitur ablegen. Eine junge Frau möchte zum Theater, eine andere hat einen Freiwilligendienst begonnen. „Die meisten sind selbstbewusst und wissen, was sie wollen – das ist vor allem auf unsere gute Beziehungsarbeit zurückzuführen.“ Aber die jungen Leute stellten auch viel in Frage, meint Sandra Richards. „Das bekommen dann die Lehrkräfte der weiterführenden Schulen zu spüren. Unsere Ehemaligen nehmen es zum Beispiel nicht einfach hin, wenn sie sich, pauschal gesagt, zum fünften Mal mit demselben Stoff beschäftigen sollen.“

Text: Beate Diederichs




Ursprüngliche Worte

Teil 15: Fittich

Foto: Mario Sunmir; www.sonnenmeer.eu

„Fittich“ – das Wort dürften die meisten von uns noch aus der Redewendung „jemand unter seine Fittiche nehmen“ kennen. Dabei ist es durchaus ein sehr altes Wort, das sich bis ins 9. Jh. zurückverfolgen lässt. Es geht auf mittelhochdeutsch. „feddah“ (später auch „feddach“) zurück und bedeutet soviel wie „Flügel“ oder „Schwinge“.

Man hat sofort das Bild im Kopf, dass ein stolzer, großer Vogel elegant seine mächtigen Schwingen schützend über seinen Jungen ausbreitet. Allerdings nehmen auch alle anderen Vögel den Nachwuchs unter ihre Fittiche – im wörtlichen Sinn, um sie vor Nesträubern und sonstigen Gefahren zu schützen und im übertragenen Sinn, um sie anzuleiten und ihnen alles beizubringen, was sie fürs Überleben brauchen. Sei es nun eine Henne, die auf ihren kleinen, gelben, flauschigen Küken gluckt, oder eine Ente, die zärtlich und leise quakend nach ihren Kindern ruft, die eifrig hinter ihr hergepaddelt kommen.

Doch nicht nur Tiere kennen diese Art von Fürsorge und Schutz. Auch in unserer Welt gibt es immer wieder Momente, in dem jemand unter die „Fittiche“ eines anderen genommen wird. In erster Linie sind das die Eltern, die diese Rolle übernehmen. Aber auch Freunde, Lehrer, Mentoren oder auch Menschen in leitenden Positionen können mit ihren „Fittichen“ Werte, Wissen und Orientierung vermitteln. Damit helfen sie anderen, ihre eigenen Flügel zu entwickeln, sodass sie eines Tages selbst die Welt erkunden können. Aktuell fällt mir dazu das Wanderjahr ein, in dem sich junge Menschen nach der Schule 11 Monate lang von Mentoren betreut an verschiedenen Orten in mehreren Berufen versuchen können, die sie interessieren und so wertvolle Erfahrungen für das spätere Arbeitsleben sammeln.

Es ist ein Prozess des Gebens und Nehmens, des Begleitens und des Loslassens. Denn wie bei den Vögeln kommt eines Tages der Moment, in dem das, was einst ein behütetes Nest war, Platz machen muss für den ersten Flug ins eigenständige Leben. Diese Wechselbeziehung zwischen Geborgenheit und Freiheit ist es, die der Redensart „jemand unter die Fittiche nehmen“ so viel Ausdruck verleiht. Es geht nicht nur darum, den anderen zu behüten, sondern auch, ihm das nötige Vertrauen und die Unterstützung zu geben, die er braucht, um irgendwann eigenständig zu fliegen. Genau wie ein Vogel, der irgendwann seine Flügel ausbreitet und den sicheren Boden hinter sich lässt, so müssen auch wir manchmal den Schritt wagen, unsere Schützlinge loszulassen, damit sie ihren eigenen Weg finden können. Mir fällt dazu immer eine Indianer-Weisheit ein: „Wenn die Kinder klein sind, gib ihnen Wurzeln. Wenn sie groß sind, gib ihnen Flügel!“

Text: Carin Utermöhle

Link zu „Fittich“: https://www.dwds.de/wb/Fittich

Infos zum Wanderjahr: https://menschlichwirtschaften.de/wanderjahr




Ein unterschätztes Thema


Doreen Mechsners neues Buch „Ausgewechselt“ ist eine wohltuende Lektüre für die Umbruchzeiten in der Lebensmitte.


Das Thema rollt gerade von allen Seiten auf mich zu. Gerade hat eine Bekannte von mir, Sonja Bienemann, ihr Buch über die Wechseljahre veröffentlicht. Im Radio höre ich eine Sondersendung über Wechseljahre. Und dann lese ich „Ausgewechselt“, den jüngsten Roman von Doreen Mechsner. Acht Frauen und acht Männer haben der Autorin von ihrem Leben zwischen Mitte 40 bis Mitte 50 erzählt. Es geht um Um- und Aufbrüche, um Krisen, Wege zur Selbsterkenntnis und der Reflektion oder auch Depression. So individuell verschieden die Lebenswege verlaufen, so ist doch allen eins gemeinsam: Sie alle beklagen die öffentliche Schweigsamkeit zu diesem Thema, das uns doch alle betrifft und so brennend interessiert. Ändert sich der öffentliche Diskurs dazu gerade, oder liegt das an meiner neuen Aufmerksamkeit dafür?

Jedenfalls fühlt es sich für mich gut an, diese „Ausgewechselt“-Geschichten zu lesen. Hautnahe Einblicke in das Leben von Menschen zu bekommen, denen es genauso oder ähnlich geht, die mit einer verblüffenden Offenheit von körperlichen und seelischen Leiden erzählen.


So wie ich es nie gemacht habe, als ich vor rund zehn Jahren für eine Weile nachts regelmäßig schweißgebadet aufwachte. Ein bis anderthalb Jahre lang ging das so. Erst im Nachhinein wurde mir klar, dass sie das wohl gewesen sind. Meine „Wechseljahre“. Parallel dazu erlebte ich tiefe Brüche: Krisenzeiten mit Trennung, einer heftigen Krankheitsdiagnose, das alles begleitet von Unsicherheit und Angst und dicht gefolgt von Neuausrichtung und einer Suche nach dem Weg zu mir selbst, zu dem, was mich in meinem Wesen ausmacht. Ich versuchte, Antworten auf existenzielle Fragen zu finden. Warum bin ich hier? Was ist der Sinn meines Lebens? Was macht mich wirklich glücklich, was gilt es loszulassen?

Nachdem ich mich aus einer zu lange andauernden unglücklichen Beziehung befreit hatte, entschied ich mich bewusst für das Alleinleben, machte Therapien, um die immer gleichen Beziehungsmuster zu bearbeiten und besuchte verschiedenste Kurse und Workshops zur Selbstfindung, ließ mich zur Yogalehrerin ausbilden, entdeckte die Welt der Wildpflanzen, erforschte meinen Geist mit Meditation … und lernte zunehmend Frieden zu schließen – mit dem was ich bin und was ich nicht mehr sein möchte. Zunehmend fand ich Klarheit über das, was ich unbedingt noch in die Welt bringen möchte. Mit 56 hatte ich das Gefühl, mein Leben allmählich zurückzuerobern. Nach vielen Jahren der Entbehrung, des Versorgens und „Nicht an mich selbst Denkens“ ist jetzt offenbar Zeit, die Früchte meines bisherigen Lebens zu ernten.

Habe ich „es“ hinter mir? Klares Nein. Ich bin noch immer auf der Suche. Aber ich lasse mich nicht aus der Ruhe bringen. Mitten in diesem Prozess der Wandlung gibt es Momente der Leichtigkeit und Freude – immer dann, wenn ich zur liebevollen Beobachterin meiner Selbst werde, mit ihren ganzen Eigenheiten, Verletzlichkeiten und schrulligen Gewohnheiten.

Das Älterwerden beschäftigt mich. Meine Haut ist nicht mehr so glatt wie mit 30, ich halte abends nicht lange durch, brauche meine Ruhephasen, bin weniger belastbar, bemerke wie meine Kinder mich überholen, wenn es z.B. um digitale Kompetenzen oder das Auswendiglernen von Gedichten geht.

Was kommt da in den nächsten Jahren auf mich zu, wie wird es sein, irgendwann mit 80, wenn ich weiß, mir bleibt nicht mehr lange? Stellen sich Körper und Geist von selbst darauf ein, dass ich bald gehen werde? Ich bin zuversichtlich und voller Vertrauen. Das Leben sorgt für mich.

Text: Daniela Aue-Gehrke


Das richtige Thema, zum richtigen Zeitpunkt in der richtigen Form


Doreen Mechsner bringt Menschen zum Erzählen und hilft ganz nebenbei bei der Bewältigung von Krisen und Wandelzeiten

„Ich habe da so eine Gabe“: Doreen Mechsner, Jg. 72, kommt mit Menschen ins Gespräch und hilft damit sich selbst und ihrer Leserschaft.


Für Doreen Mechsner, Jahrgang 72, Mutter von vier Kindern kam der Schock vor rund vier Jahren. Nach 32 Jahren Ehe hatte ihr Mann sie verlassen, die Ankündigung kam so plötzlich wie kompromisslos. Dass sie heute gut durch diese Phase kommt, ist zum einen ihrer persönlichen Resilienz aber auch dem Austausch mit anderen Menschen zu verdanken. Es waren vor allem die offenen Gespräche mit Männern, die zum Verständnis ihres eigenen, noch immer Ehemannes beitrugen. Ein Mann war es auch, der den Anstoß für ihr jüngstes Buchprojekt „Ausgewechselt“ gab. Die Unterstützung, die ihr das Gespräch mit Manuel brachte, wollte sie mit anderen teilen. Weitere Interviews kamen hinzu und es entstand eine Sammlung, die vor allem eins zum Ziel hat: Lebenshilfe in einer wichtigen Phase zu geben, ohne dabei klassischer Ratgeber zu sein.

Du beschreibst am Anfang deines Buches deine eigene Wechseljahr- Geschichte. Ist das wirklich so passiert?

Das ist original meine Geschichte. Aber es ist noch mehr passiert. Absurde Geschichten, über die ich irgendwann mal ein Buch schreiben will.

Was denn zum Beispiel?

Mein Geschirrspüler war schon lange kaputt. Dass mein Mann sich von mir trennt, hatte ich zum Anlass genommen, aufzuräumen. Ich dachte mir, klar, alles ist verunkrautet und muss gereinigt werden. Als er mir das irgendwo unterwegs sagte, war erst mal Schweigen. Da war der Geschirrspüler symptomatisch. Das habe ich zum Anlass genommen, das Ding selbst zu reparieren. Vorher hatten wir eine klare Aufgabenteilung. Dass ich etwas repariere – absurd! Mithilfe meines Schwagers habe ich das Ding wieder in Schwung gekriegt. Aber nach zwei Wochen war wieder Stillstand. Das war schonmal ein Zeichen: So einfach geht’s nicht. Zu Anfang hatte ich immer noch Hoffnung, dass von meinem Mann Einsicht kommt. Fünf Wochen Galgenfrist gaben wir uns, bevor wir es den Kindern sagen, und ich dachte, vielleicht ist doch noch was zu retten. Dann komme ich mit den Kindern vom Osteopathen, die Motorlampe leuchtet, der Motor geht aus, ich schaffe es gerade noch auf den Seitenstreifen. Der ADAC kommt: „Motor ist hinüber, nichts mehr zu machen, irreparabel“, hieß es und ich dachte: Alles klar, weiß ich Bescheid. Totaler Stillstand – so hat sich das am Anfang auch angefühlt. Aber jetzt ist Bewegung da.

Die Trennung von deinem Mann liegt mittlerweile schon einige Jahre zurück. Wie geht’s dir heute damit?

Damals war das ja ein totaler Schock. Die Art und Weise war die eigentliche Dramatik. Nach 32 Jahren einfach so zu sagen: Punkt aus, das war’s, null Chance.“ Und dann habe ich bei aller Trauer ziemlich schnell erkannt, wie toll das ist, jeden Morgen tun und lassen zu können, was ich möchte. Außerdem war ich schon immer so gepolt, dass ich mir sage: Wer weiß, wofür es gut ist. Und wer weiß was noch kommt.

Hat dir die Arbeit an dem Buch geholfen, die Trennung besser zu verarbeiten? Du schreibst von einem Manuel, der sich dir gegenüber sehr geöffnet hat.

Manuel war der auslösende Moment. Im Gespräch hat er ohne Punkt und Komma von seinem Gefühlsleben erzählt. Das hat mir so gutgetan. Ich habe mich dabei ertappt, von der Offenheit der Männer überrascht zu sein. So viel Gefühl hätte ich ihnen gar nicht zugetraut. (lacht) Er hat mir die Männer auch nähergebracht.

Wie real sind die Menschen in dem Buch?

Die Menschen sind echt, nur die Namen sind alle ausgedacht. Ich habe versucht, die Leute zu schützen, da gibt es welche, die möchten nicht erkannt werden. So habe ich Dinge leicht verändert und zum Beispiel der einen oder anderen ein Kind untergejubelt.

Hattest du dir vor dem Schreiben schon eine bestimmte Aussage mit den Geschichten überlegt?

Nein, die Idee des Buches ist es Lebenshilfe zu geben, weil ich selbst das Gespräch mit Manuel als Lebenshilfe erfahren habe. Grundsätzlich haben mir in meiner Situation Gespräche total geholfen. Auch für meine früheren Bücher habe ich z. B. fast Hundertjährige interviewt. Mein großes Vorbild ist das Buch „Guten Morgen, du Schöne“ von Maxi Wander. Ich finde es schön, wenn man sowas liest, da geht man automatisch ins Zwiegespräch mit den Personen. Gleichzeitig hinterfrage ich mich und mein Umfeld. Das ist die Grundidee meiner Interview-Bücher.

Es war mir damals nicht klar, dass die Menschen in dieser Phase des Lebens so erschüttert werden. Die Quintessenz meiner Gespräche ist: Wer sich mit bestimmten Fragen des Lebens frühzeitig auseinandersetzt, ist gefeit davor, aus der Bahn geworfen zu werden. Mich treiben viele Fragen von Kindesbeinen an um: Wie ist es alt zu werden, warum wird man alt, warum muss man sterben? Wie ist das, wenn Eltern alt werden, wo will ich hin, was ist der Sinn des Lebens. Ganz viele Menschen stellen solche Gedanken nicht so automatisch an wie ich das tue.

Wie bist du in so einen tiefen Austausch mit den Menschen gekommen?

Mein Papa sagt immer, dass ich da eine Gabe habe. Ich kann Zuhören, aber auch an der richtigen Stelle von mir selbst erzählen. Neulich bin ich in der Buchhandlung mit einer Frau ins Gespräch gekommen. Die hat mir dann gleich ihr Leben erzählt.

Ein schöner Satz in deinem Buch lautet: „Ich bin nicht in der Krise, ich bin im Wechsel.“ Mir gefällt diese dynamische Sichtweise, die Wechseljahre als Lebensphase zu verstehen, der man ganz positiv mit Leichtigkeit begegnen kann.

Ich selbst dachte immer, ich sei nicht von der Midlife crisis gefährdet und trotzdem bin ich ja jetzt mittendrin. Aber eigentlich ist das keine Krise, sondern ein Wechsel. Ich hätte eine draus machen können, aber so bin ich gottseidank nicht gestrickt.

Es ist ja immer auch die Frage, wie man sich zu diesen Krisen verhält. Eine Möglichkeit wäre ja, sich als Beobachter zu verstehen und sich selbst mit Neugier zu betrachten.

Das ist leicht gesagt und manchmal gelingt es mir auch, die Metaebene einzunehmen und mich über mich selbst zu amüsieren. Der Sascha in dem Buch ist zum Beispiel der einzige, den ich ein Jahr später gleich nochmal interviewt habe, der kommt gerade erst raus aus dem Sumpf. Aber das Erkennen ist das eine, das damit umgehen, das andere. Da bin ich immer wieder dankbar, dass mir das irgendwie in die Wiege gelegt ist.

Ich mag diese Wortspiele.“

Der Titel suggeriert etwas sehr Positives. Meine Assoziation dazu war: „Ich bin wie ausgewechselt, also wie neugeboren.“

Meine ursprüngliche Idee dazu war ein „Ich bin durch die Wechseljahre durch“. Aber dann steckt da natürlich noch mehr drin: „Ich bin wie ausgewechselt aber auch „Ich wurde ausgewechselt.“, oder „Ich habe ausgewechselt“. Und wahrscheinlich noch viel mehr. Ich mag diese Wortspiele. Das vermittelt auch die Gestaltung, für die ich der Grafikerin sehr dankbar bin. Mit dem Cover habe ich mich so schwergetan wie mit keinem.

Was ist deine wichtigste Erkenntnis aus der Arbeit an dem Buch?

Durch das Verlassenwerden kam nochmal eine große Freiheit. Nach der Trennung bin ich aus einem Riesenhaus ausgezogen in eine Landarbeiterplatte, wo ich nie hinwollte. Damals waren wir finanziell immer am Rand. Wenn es besonders eng wurde, hat mein Mann immer gesagt, wir ziehen in die Platte. Das wollte ich nie. Und jetzt feiere ich genau das. Es ist einfach eine spannende Erfahrung, ein anderes soziales Umfeld. Wenn man in den Hausflur kommt, stinkt es nach Rauch, furchtbar. Dann mache ich die Tür zu und die Wohnung ist schön.

Nach nicht mal vier Wochen hast du den ersten Nachdruck bestellt. Im Buchjournal wird dein Buch besprochen. Wie erklärst du dir diesen Erfolg?

Es war zum richtigen Zeitpunkt, das richtige Thema in der richtigen Form. So hat das noch nie jemand aufgearbeitet, es kommt nicht so ratgebermäßig daher. Die Leute dürfen einfach mal mit ihren Gedanken da stehen bleiben.

Was ist deine Vision?

Ich hoffe, dass das Buch mein Leben komplett verändern wird, weil es so rasant gekauft wird und ich dadurch finanzielle Freiheit bekomme. Erstmal würde ich natürlich meine Leute angemessen bezahlen.

Wie geht es weiter?

Mit einigen bin ich bereits zum Folgeinterview verabredet. Das Leben ändert sich ja ständig. Es ist ein einziges Hin-und-Her. Mit nur einem Interview ist das Ding nicht vom Tisch, da kommt einem doch das Leben dazwischen. Letzte Woche wollte ich mich mit einer Frau zum Interview treffen, dann sagte sie: „Du bei mir passiert gerade so viel, wäre schön, wenn wir noch zwei bis drei Wochen warten, dann hast du noch mehr zu Schreiben.“

Du planst eine Fortsetzungsgeschichte?

Zum Jahresende möchte ich einen zweiten Band mit denen machen, die bereit zu einem Folgeinterview sind. Ich möchte wieder acht Männer, acht Frauen. Die die schonmal erzählt haben, haben Vorrang. Es gibt aber auch Treffen mit Neuen. Aktuell suche ich noch Männer. Das Cover ist jedenfalls im Kopf schon fertig.

Interview: Daniela Aue-Gehrke


Der Anglizismus des Monats

Teil 14: Cliffhanger

Illlustration: Frida Aue

„Cliffhanger“ – „Hänger an der Klippe“? Für die meisten von uns ist Cliffhanger ein Begriff, den wir aus Büchern oder vom Fernsehen her kennen. Aber hat sich eigentlich schon mal jemand ernsthaft Gedanken darüber gemacht, was dieser Begriff überhaupt bedeutet? Fangen wir mit der wörtlichen Übersetzung an:

Vor dem geistigen Auge taucht ein armer Wicht auf, der sich mit knapper Not oben an der Kante einer Klippe festhält und über der stürmischen See hängt: Mit den Händen, mit den Füßen, mit den Zähnen, oder vielleicht auch einfach nur in der Luft. Ein bisschen wie beim Film, wenn sich jemand in der letzten Sekunde von der Klippe zieht, um nicht in den Abgrund zu stürzen. Und ja, das wäre definitiv eine spannende Szene – ein „Cliffhanger“ eben! „Klippenhänger“ klingt allerdings eher nach einem Bergabenteuer… Auch „Abgrund-Falle“ kommt irgendwie nicht ganz so spannend rüber. Weitere Ideen wären: „Spannungs-Pause“, „Dramatik-Stopp“ oder auch ganz einfach nur „Aufhänger“.

So weit, so gut. Aber der „Cliffhanger“ hat noch mehr auf Lager: Er ist nicht nur ein bedrohlicher Moment, sondern auch ein gern genutzter Trick, um uns so richtig in der Geschichte festzuhalten. Denn was passiert, wenn wir diesen Armen mit aller Dramatik über der Klippe baumeln lassen? Genau: Wir bleiben an der Stelle „hängen“ – und genau da endet dann oft ein spannendes Buch aus einer Reihe oder eine Serienepisode.

Im übertragenen Sinne heißt das: Statt den Bedauernswerten zu retten, lassen wir ihn einfach in der Luft hängen. Die Geschichte bleibt offen, wir wissen nicht, wie es weitergeht, und müssen auf die Fortsetzung warten. Ein kluger Schachzug der Erzähler, um uns in der Spannung zu fangen – ganz wie derjenige, der keinen festen Boden unter den Füßen hat, sondern am Rand des Abgrunds hängt.

Im Deutschen ist „Cliffhanger“ inzwischen längst zur festen Größe geworden – kaum ein Leser oder Serienfanatiker kommt ohne das Wort aus. Und was passiert nun mit dem armen Wicht? Findet er seinen Halt? Wird er in die Tiefe stürzen? Oder wird ihm in letzter Sekunde doch noch die rettende Hand entgegengestreckt? Wer weiß, was als Nächstes passiert…

Text: Carin Utermöhle

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Visionsgemeinschaft in Bad Freienwalde

Blickt man zurück auf den Anfang der siebziger Jahre, findet man Aufbruchstimmung und ambitionierte Projekte, mit denen man die Welt verändern wollte. Es ging um eine hierarchiefreie Gesellschaft, um Frieden, Umweltschutz, antiautoritäre Erziehung und gesunde Ernährung. Es handelte sich vorwiegend um junge Menschen – und wenn ich das einmal etwas zeitgemäß ausdrücken darf: Sie waren dem Hippiemilieu zuzuordnen. Viele der idealistischen Protagonisten von damals sind irgendwann ins herkömmliche System abgebogen und machten Karriere, manche gingen an Drogen zugrunde, und einige blieben ihrer Linie treu und gaben ihre Ideen mehr oder weniger erfolgreich an ihre Kinder weiter.
Fünfzig Jahre und ein Enkelkind später entwickelte sich aus einer gesellschaftlichen Krise heraus eine Bewegung, die man dem Querdenkermilieu zuordnen könnte … wenn man so will. Irgendeine Schublade braucht man ja zur Selbst- oder Fremdidentifikation. Die meisten Querdenker sind zwar nicht mehr jugendlich, aber auch nicht so betagt, dass sie als die Übriggebliebenen von damals gelten könnten. Sie haben schon einiges an Leben gelebt, waren vielleicht Teil des Systems, hatten einen ordentlichen Beruf und nebenbei Kinder großgezogen – oder sind noch dabei. Wenn solche Menschen heute etwas in der Welt verändern wollen, dann basiert das auf handfesten Erfahrungen: Versuch und Irrtum, Scheitern, Desillusionierung, Wiederaufstehen und neue Visionen wagen.

Auch wenn die aus der Verzweiflung geborene Umbruchsbegeisterung inzwischen verblasst ist, haben wir im Kollektiv dazugelernt. Wir sind kräftemäßig am Limit, doch wir machen weiter, weil wir nicht anders können. Wir stellen uns dem System gegenüber nicht mehr blind – auch wenn wir auf materieller Ebene weiterhin von ihm abhängig sind. Das kann einen schier verzweifeln lassen, doch Aufgeben ist keine Option. Viele haben konkrete Alltagsverpflichtungen und müssen, um ihre physische Existenz zu sichern, Kompromisse eingehen, die sie an den Rand eines Nervenzusammenbruchs bringen und ihre Selbstachtung gefährden. Aber man kann nicht jeden Tag stark sein. Man kann nicht jeden Tag seinen eigenen Idealen gerecht werden. Das wäre, ehrlich gesagt, nichts anderes als Perfektionismus – und somit schlichte Egobefriedigung.

Was können wir also tun?

Vor einigen Tagen war ich bei Katja und ihrer Mutter in Bad Freienwalde zu Besuch. 2018 sind sie dorthin gezogen, um Stück für Stück ein neues Leben außerhalb von Berlin aufzubauen – gemeinsam mit Katjas Tochter, die das Frauentrio komplettiert. Sie schufen sich einen persönlichen Rückzugsraum vom alltäglichen Wahnsinn der Stadt. Eine energievolle Wohnung an einem energiereichen Ort: Bad Freienwalde ist ein Pilgerort, die Mutterstadt der Naturschutzeule und die Heimstatt des ältesten Naturschutzvereins Deutschlands. Es gibt dort einen Wanderweg zum Atemschöpfen, ein gesundes Moorbad sowie das Fontanehaus. Unter solchen Bedingungen versteht es sich fast von selbst, dass immer wieder Freunde zu Besuch kommen, um ebenfalls ein wenig Ruhe, Spiritualität und wertschätzende Gemeinschaft zu genießen.

Dann erlitten die Frauen einen harten Rückschlag und sind nun nicht mehr in der Lage, die Wohnung finanziell zu halten.

Katja wohnt inzwischen wieder in Berlin, doch sie möchte den Bad Freienwalder Kraftort für „das Kollektiv“ erhalten. Aber wie könnte das aussehen?

Sie lud Freunde und Bekannte aus ganz Deutschland zu einer Visionswoche ein. Diese sollten ihre Wünsche, Träume, Ideen – und etwas zu essen für das gemeinsame Büfett – mitbringen. Manche kamen, so wie ich, als Tagesgäste, einige übernachteten dort.

In der Mitte des Raumes entstand ein Vision Board, auf dem man durch Symbole, Worte und Bilder manifestieren konnte, welche Projekte man anbieten könnte und wie viel man zur Deckung der Miete beitragen würde. Wenn bis Mai Bereitschaftserklärungen für insgesamt 500 Euro monatlich zusammenkommen, wäre das die Geburtsstunde einer Visionsgemeinschaft vor den Toren Berlins.

Als ich Ende der Woche eintraf, war das Vision Board bereits reichlich gefüllt. Zu meiner Freude fand ich einen alten Bekannten in der Küche vor, dem ich zuletzt auf der Utopie Akademie in Birnbach begegnet war: Dante war extra aus Frankfurt am Main gekommen, um das Projekt zu unterstützen. Später kam noch die Journalistin Angela dazu.

Nach einem gemeinsamen Essen und belebenden Gesprächen am Kamin machten wir einen Spaziergang zur Alten Oder. Am Gartenhaus vorbei, durch eine kleine Pforte – und schwupps waren wir auf einem Waldweg, der uns direkt zu dem Gewässer führte. Wer auf dem Weg zum Bahnhof noch ein wenig Natur genießen will, kann dies hier tun, indem er die alte Eisenbahnbrücke überquert.

Hier eine kleine Aufzählung, was die Visionäre alles in diesen Räumen anbieten würden:

Kerstin: Heilung durch Frequenz-Heilmatte, Ukulele und Singkreis.
Einige Frauen: gehen aktiv den Heilungsweg und zeigen auf, was sie erforscht und erfahren haben.
Einige Männer: sind viel im Gartenanbau- und Ernährungsbereich unterwegs.
Katja lädt ab Mai 2026 einmal monatlich zum Friedensfeuer ein. Mea Liebe, Peter und Bettina, Marcella und Katja von Bauske tragen musikalische Heilung zum Feuer.
Dante bringt als Ingenieur und ITler wertvolles Wissen mit, hat mit 20 Jahren das Buch zur 5h-Woche geschrieben.
Stefan hat sich mit Geomantik und Gartenthemen belesen, mit gruppendynamischen Prozessen beschäftigt und gibt Vorträge verschiedenster Art.
Arijana gibt Klangschalenmeditation.
Anja im Nachbardorf hat ein Heilzentrum mit ihrem Mann gegründet.
Rita war zu DDR-Zeiten eine bekannte Sängerin und begleitet Katja, so wie auch Susanne aus Berlin, schamanisch.
Dietmar lädt zum Philosophenkreis ein.
Und ich? Mir fiel zunächst gar nichts Rechtes ein – und dann war plötzlich der Kopf aus und das Herz an: „Deutsche Sprache und deutsche Kultur!“ Gesprächskreise und Dichtungslesungen, in denen alte Begriffe und Ausdrucksweisen unserer Muttersprache wiederbelebt werden. Wer sich ein wenig damit beschäftigt hat, weiß, welch ein Reichtum darin liegt. Und mir ginge es dabei bitteschön nicht um dogmatisches „Richtigmachen“, sondern um die Freude am Ausprobieren.

Zurück zu den Hippies. Wie bin ich in diesem Zusammenhang eigentlich darauf gekommen?

Nun, als ich das Vision Board betrachtete und mich in der Wohnung umsah, war ich beglückt und inspiriert von all der Kreativität und Selbstwirksamkeit, die mich umgab. Dann erinnerte ich mich an die Erwachsenenwelt meiner Kindheit. In den Siebzigern wie auch in den Achtzigern standen dort nicht Selbstwirksamkeit, Visionen und schöpferische Kraft im Fokus, sondern der Konsum von Fernsehbildern, Nahrungsmitteln, Zigaretten und Alkohol.

So sah es nun einmal aus, wenn man auf dem Lande aufwuchs. Das waren keine bewusst aufgebauten Ökogemeinschaften, sondern weitgehend inspirationsfreie Dörfer. Doch das war mein persönliches Erleben. Heute weiß ich, dass es damals durchaus nicht überall so war. Inzwischen hat sich gezeigt, dass in den letzten Jahrzehnten viele Projekte entstanden sind, die handfest und konkret ein anderes Leben ermöglichen als das, was uns sonst oft angeboten wird. Was bei alledem jedoch fehlte, war eine Kultur, die dem Mainstream der politischen Korrektheit etwas entgegenzusetzen hatte. Eine Kultur, die nicht brav ist und schon gar nicht alles richtig macht, die sich jedoch unbeirrbar auf die Suche nach sich selbst begibt. Nach Wildheit, Unangepasstheit und den eigenen Wurzeln. Eine Kultur, die man nicht in eine Form gießen kann und die sich in ihrer Liebe zur Natur, zur Ursprünglichkeit und zur Freiheit auch von den Hippies emanzipiert.

Sie hat keinen Namen, denn sie ist im Entstehen. Sie ist im Feld. Man findet sie in unseren Gesängen, in unseren Taten, in unseren Gesichtern, in unseren Triumphen, in unserem Scheitern, in unseren Bewegungen, in unserem Lachen, in unserem Weinen, in unserer Fähigkeit zu lieben – und in Projekten wie dem in Bad Freienwalde.

Wenn du das Gefühl hast, dass es hier etwas gibt, das du mitgestalten kannst, dann schreibe uns gerne einen Elektrobrief. Vielleicht passt es ja. Frage einfach dein Herz.

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Text: Oliver Schindler


Wild und Grün

Vorboten des Wachstums
Baumknospen enthalten das ganze Potenzial für die Entwicklung des Baumes


Wenn früher mitten im Winter mein Blick auf die kleinen Knospen an den kahlen Ästen der Bäume fiel, war das in der Regel mit einem unguten Gefühl verbunden. Angesichts eisiger Temperaturen und einer meist schneereichen Wetterlage, war ich oft besorgt um diese kleinen Vorboten des Frühlings, Freude kam jedenfalls bei mir nicht auf. Heute weiß ich es besser. Ich gehe mit erwartungsvollem Blick durch die blattarme, winterliche Baumlandschaft und freue mich über eine gesunde Wegzehrung. Wenn sich zum Beispiel mein Hals rau anfühlt oder ein Husten im Anmarsch ist, tun vor allem Lindenknospen gut. Langsam im Mund zerkaut, bilden sie einen lindernden Schleim, der meine Atemwege beruhigt und mir gleichzeitig ein Gefühl von Naturverbundenheit schenkt.

Volles Potenzial für die Gesundheit: Lindenknospen stecken voller Mineralien, Spurenelemente und Vitaminen. Sie sind schleimbildend und helfen bei Husten und Halskratzen. Foto: Daniela Aue-Gehrke

Knospen zahlreicher heimischer Bäume sind nicht nur genießbar, sondern stecken voller Mineralstoffe, Vitamine und Spurenelemente. Sie sind proteinreich und enthalten wertvolle Fettsäuren, die unserer Gesundheit auf die Sprünge helfen. Kein Wunder. Denn in den Knospen steckt das Wachstumspotenzial der Bäume für die nächste Saison. Aus ihnen entfalten sich im Frühjahr, wenn die Temperaturen steigen und die Tage länger werden, die zarten Blätter, die fleißig Photosynthese betreiben und so den Baum mit Nährstoffen für seine weitere Entwicklung versorgen. Für mich neu und faszinierend: Vorbereitet wird diese Phase bereits im Sommer des Vorjahres. Wenn die Sonne im Juni am höchsten steht, bildet der Baum bereits kleine Knospen aus. Bevor im Herbst das Laub wieder fällt, ist dieser Vorgang abgeschlossen und das ganze nächste Wachstumsjahr bereits geplant. Ich wünschte manchmal ich wäre derart vorausschauend in meiner Planung. Es ist jedenfalls kaum verwunderlich, dass Pflanzenkundige unlängst das Heilpotenzial von Knospen entdeckt und daraus Mittel herstellen, die unserer Gesundheit auf vielfältige Weise helfen können.

Seit einiger Zeit ist die sogenannte Gemmotherapie (=Knospenmedizin) auf dem Vormarsch. Die Wirkung vieler Gemmomittel aus heimischen Bäumen und Sträuchern sind mittlerweile mit wissenschaftlichen Studien geprüft und ins europäische Arzneibuch aufgenommen.
Wer selbst sammeln und zubereiten möchte, sollte darauf achten, ausschließlich Knospen essbarer Pflanzen zu wählen. Gängige heimische Arten sind z.B. neben der Sommer- und Winterlinde Birke, Haselnuss, Eberesche, Weißdorn, schwarze Johannisbeere oder Nadelgewächse wie Fichte oder Weißtanne. Während alle von ihnen viel Eiweiß, Mineralien und Spurenelemente enthalten, zeichnen sich letztere zusätzlich durch ihren Gehalt an ätherischen Ölen und Harzen aus.

Knospen befinden sich seitlich an den Zweigen oder Ästen oder auch an deren Spitze. Diese sollten möglichst nicht geerntet werden, da sie dem Baum die Wachstumsrichtung für das Jahr vorgeben und besonders viele Wachstumshormone enthalten. Während diese Richtungsweiser für uns meist direkt erkennbar sind, verbergen sich auch sogenannte schlafende Knospen an der Borke. Sie ermöglichen es den Bäumen auch aus Stümpfen neues Leben erwecken zu lassen und sichern vielen Arten ihr Überleben auch nach der Abholzung. Wie tröstlich, dass das Leben in der Natur sich immer wieder so unbeirrt durchsetzt und letztlich unser Überleben sichert.

Gemmomittel selbst herstellen (Rezept nach Birgit Straka)

  • 1 Kg Knospen mit einem scharfen Küchenmesser zerkleinern und in ein Apothekerfläschchen füllen. Mit jeweils 10 ml Glycerin (85%) und Alkohol (70%) mischen und gut durchschütteln. Die Mischung drei Wochen lang an einem warmen Ort stehen lassen und täglich gut schütteln, damit sich die Pflanzenstoffe gut lösen und verteilen. Dann den Knospenauszug mit einem Teefilter abgießen und nun mit jeweils 90 ml Glycerin und Alkohol mischen. Das fertige Gemmomittel in kleinen Sprühfläschchen abfüllen und bei Bedarf direkt in den Mund sprühen, damit es über die Schleimhaut aufgenommen werden kann.
  • Tipp: Die Auswahl der Knospen bestimmt über deren Heilwirkung. So gelten Mittel aus Ahorn eher entzündungshemmend und die Haut und Leber unterstützend. Eiche wirkt gegen Rheuma oder Arthritis, Hasel kann positiv auf die Atemwege wirken.
  • Literatur: Eine ausführliche Beschreibung von Gemmomitteln finden sich bei der Pflanzenkundlerin Birgit Straka („Baumheilkunde. Altes Wissen neu beleben“ sowie online: www.birgit-straka.de)
  • Bezugsquellen für Gemmomittel: Wer den Aufwand der Herstellung vermeiden möchte, kann die Therapeutika auch über das Internet bestellen. (www.koll-biopharm.de oder www.spagyros.de).


von Daniela Aue-Gehrke, Wildkräuter-Beraterin nach Dr. Markus Strauß,
ganzheitliche Ernährungsberaterin und Yogalehrerin,
www.plantoga.de


Leserbriefe

Wie schön, dass das Thema innerer Friede nun auch in der Online Zeitung und in deinem Podcast angekommen ist. TM – eine magische Friedensbewegung, so nennst du es. Magisch war für mich der Zeitpunkt, zu welchem ich deinen Podcast zum Thema entdeckt habe: Es war nämlich genau der Moment, zu dem ich mich bereits seit ca. einer Stunde mit dem Gedanken beschäftigt hatte, ich sollte mich mal wieder bei dir melden. Und dich fragen, ob nicht das Thema innerer Friede interessant für die Zeitung wäre. Ich klappe also meinen Laptop auf und das erste, was mich anspringt ist dein Podcast mit genau dem Thema. Was sich für viele eher banal anfühlt oder als Zufall abgetan wird, ist für mich so etwas wie ein Hinweis. Eine Co-Inzidenz. Ein Wegweiser, zumindest wenn ich gerade in der Stimmung bin, mich vertrauensvoll in den Lebensfluss einzulassen. Nun – in dem Moment machte es mich zwar etwas aufgeregt, dämpfte aber gleichzeitig meinen Enthusiasmus. Das Thema ist ja nun abgedeckt.

Nun entdecke ich deinen Text in der Zeitung und denke: Schön, es geht also weiter. Erinnerungen an meinen eigenen Weg zum (inneren) Frieden werden wach. Dieser Weg währt schon sehr lang. Ich schaue zurück auf Zeiten, in denen ich für den Frieden und für Gerechtigkeit mit viel Vehemenz, Lautstärke und Gewaltbereitschaft gekämpft habe. Auf der Straße und in meinem Inneren. Jedem, der nicht meine Meinung zur Weltenrettung teilte, konnte ich sehr heftig meine Worte in die Ohren brüllen. Gleichzeitig habe ich natürlich gelitten. Das kann ich rückblickend sagen. Erst so nach und nach schlichen sich auch konstruktive Handlungen in meinen „Kampf“ ein. Das Wesentliche geschah dann aber erst, als ich (Zufall oder Fügung?) mit Körper- und Atemarbeit in Kontakt kam, damals in Verbindung mit Körperausdruck. Es begann ein Weg der Rückbesinnung. Und ich wurde – zu meinem damaligen Erschrecken muss ich gestehen – friedlicher, gelassener, einfühlsamer. Der Kampf im Außen beruhigte sich, andere Prioritäten tauchten auf. Ausdruck ist individuell, aber in seiner Bedeutsamkeit allgemeingültig. Denn die Einzigartigkeit eines jeden Menschen führt, wenn sie gelebt werden kann, in die Freiheit. Mitfühlendes Verhalten stärkt mich selbst und hilft nicht nur dem, mit dem ich fühle. Es gab lange Zeit viel Hadern in mir, ob ich nun zu „sanft“ werde. Die Welt will ja gerettet werden und es gibt ja auch noch keinen Frieden. Heute sehe ich, wie Menschen in der Friedens- und Freiheitsbewegung sich bitterböse bekämpfen, obwohl sie eigentlich das gleiche Ziel verfolgen. Da bin ich froh, dass ich meinen Weg gefunden habe – so in etwa jedenfalls.

Erleuchtet bin ich noch immer nicht, aber ich kann heute sagen, dass „Atmen für den Frieden“ für mich eine unumstößliche Tatsache ist. Es wirkt. Und ich bin ganz sicher, dass die Welt auf diese Weise befriedet wird. Auszuhalten, dass es ein Weg ist, der gegangen werden will, bleibt eine Herausforderung. Denn unsere Wege sind vielfältig. Nicht jeder meditiert TM und überhaupt ist keine Methode der Welt der Königsweg. Vielleicht ist es eher bedeutsam, das ganz Ureigene mit immer mehr Klarheit und Herzensweisheit zu leben. Und damit das Lebensmosaik unserer Menschheitsfamilie zu bereichern, zu vervollkommnen. Im Dialog bleiben oder wieder lernen, überhaupt in den Dialog zu gehen. Der Dialog im Inneren ist dazu eine gute Grundlage. In der Stille. Atmen.

Ulrike F., Freiburg: zu Transzendentale Meditation – eine magische Friedensbewegung

Alternativ zu dem letzten Bericht über TM (Transzendentale Meditation) wäre es wichtig, dass auch über die Erkenntniswissenschaft, die Dr. Rudolf Steiner uns Menschen gegeben hat, berichtet wird.

Es gibt im Zeitalter der Manipulation, Lüge und Täuschung für uns Menschen nichts wichtigeres, als zu erlernen, wie wir durch unsere Erkenntnisfähigkeit die Wahrheit finden können.

Seit vielen Jahren bietet die Holiversität von Axel Burkart Online- und Präsenzlehrgänge in Erkenntniswissenschaft an. Darüber sollte in den Menschlich-Werte-Medien regelmäßig berichtet werden, weil Erkenntnisfähigkeit eine primär menschliche Fähigkeit ist.

Transzendentale Meditation ist keine Methode, die die eigene Erkenntnisfähigkeit schult. Nach meinem Wissen ist es vielmehr eine Methode, die in der jetzigen Phase der Menschheitsentwicklung eher schädlich wirken kann. Auf alle Fälle fördert sie nicht das bewusst gewollte Erkennen der Wahrheit.

Elisabeth L., Wittenberg: zu Transzendentale Meditation – eine magische Friedensbewegung

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